Immer gut, wenn ein Wissenschaftler über solche Dinge spricht. Nun, nicht immer, das sehen wir beim BDB, aber in diesem Fall jemand, der Ahnung hat von dem, was er sagt.

Zur Person: Dr. Fabian Pitter Steinmetz ist zertifizierter Toxikologe und Berater bei Delphic HSE. Seinen PhD absolvierte er 2016 in der Computer-Toxikologie an der Liverpool John Moores University. Wissenschaftlich interessiert er sich primär für Strukturaktivitätsbeziehungen, neue psychoaktive Substanzen und "Harm Reduction”-Ansätze. Drogenpolitisch unterstützt er zahlreiche nationale und internationale NGOs und Verbände. Die hier wiedergegebenen Aussagen entsprechen den privaten, persönlichen Ansichten und stehen nicht stellvertretend für Organisationen, mit denen Dr. Steinmetz verbunden ist. Er ist Co-Autor eines Buches über Drogen und deren Wirkung, zu beziehen per Amazon (Link: https://www.amazon.de/dp/3170436120)
F: Bitte stellen Sie sich doch kurz mit eigenen Worten vor und sagen Sie etwas zu Ihrer beruflichen Funktion und zu Ihrem gesundheitspolitischen Hintergrund bzw. Expertise. Gestatten Sie die Veröffentlichung des Interviews im Netz?
A: Mein Name ist Fabian Steinmetz, ich bin regulatorischer Toxikologe und beschäftige mich intensiv mit dem Thema Drogen. Neben wissenschaftlichen Projekten berate ich auch Politiker und NGOs. Gerne meine Antworten teilen.
F: Denken Sie, dass der Konsum von Rauschmitteln für Erwachsene grundsätzlich erlaubt sein sollte (i.S.d. Art. 2 GG) oder braucht es eine strenge Regulierung? Können Sie Ihre Antwort begründen?
A: Konsum ist m.W.n. erlaubt. Wichtiger wäre es die Handlungen vor dem Konsum zu legalisieren, also Herstellung, Abgabe und Besitz. Ein regulierter Markt reduziert Kriminalität und Gesundheitsschäden durch Streckmittel und Wirkstoffvarianzen.
F: Die letzten einhundert Jahre zeigen, dass Prohibition kein geeignetes Mittel zur Konsumverminderung ist, sondern dass dadurch erst ein Schwarzmarkt geschaffen wurde. Würden Sie zustimmen, dass ein Paradigmenwechsel erforderlich ist?
A: Ja, ein Paradigmenwechsel ist erforderlich. Regulatorische Modelle sollte sich gemäß des Mark‘schen „Paradox of Prohibition“ am gesundheitlichen und gesellschaftlichen Schadensminimum orientieren.
INFO: John Marks: "The paradox of prohibition" - Link (PDF): https://fourtwenty.wtf/dl/ParadoxofProhibition.pdf
F: Wir konnten ja sehen, dass Befürworter der Prohibition wie H. Reul oder R. Wendt nicht selten mit unwahren Tatsachenbehauptungen (z.B. die Mär von der Mocro-Mafia) Stimmung gegen die Legalisierung von Rauschmitteln gemacht haben, was intensiv an die Fake News Kampagnen eines H. Anslinger erinnert. Halten Sie diese Methoden für gerechtfertigt?
A: Nein, bewusst Unwahrheiten verbreiten ist keine legitime Praxis und sollte medial und politisch entsprechend aufgearbeitet werden.
F: Es kommen stets neue psychoaktive Stoffe in den Markt, oft so schnell, dass die Novellierung der Tabellen in den entsprechenden Gesetzen nicht hinterher kommt. Gibt es nach Ihrer Ansicht Möglichkeiten, dieser Flut Herr zu werden? Wie könnte das aussehen?
A: Ein großer Teil dieser Entwicklung ist die Folge der Prohibition. Cannabisverbote pushen Produkte mit synthetischen Cannabinoiden, Verbote von Amphetamin/Kokain-haltigen Formulierungen pushen Cathinone, etc. pp. Mit grob einem Dutzend Legalisierungen würden die tausenden NPS an Relevanz verlieren.
F: In Deutschland gilt seit April 2024 das Konsumcannabisgesetz (KCanG), dass Anbau, Erwerb und Konsum von Cannabis unter bestimmten Umständen straffrei stellt. Sehen Sie das eher positiv, eher negativ oder neutral?
A: Die Entkriminalisierung de jure, die seit April 2024 in Kraft ist, ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Dennoch gibt es noch viel Luft nach oben, bei Cannabis und natürlich weiteren Drogen. Weniger schädliche Strafverfolgung und unnütze Polizeiarbeit lassen sich bereits beobachten (vgl. PKS), aber der Schwarzmarkt wurde nur moderat reduziert. Wir brauchen Fachgeschäfte für Erwachsene, und es muss möglich sein, dass Erwachsene an andere Erwachsene etwas unentgeltlich abgeben – das ist aktuell noch verboten.
F: Haben Sie die Entstehung des KCanG fachlich begleitet, und wenn ja, wie?
A: Ich habe mehrere Stellungnahmen mitverfasst, Fachausschüsse unterstützt und hatte in einem sehr begrenzten Maße auch direkten Kontakt zu MdBs.
F: Wie beurteilen Sie persönlich den Nutzen des KCanG für die Bevölkerung?
A: Positiv, könnten aber eben noch positiver sein, wenn man vernünftig legalisieren würde.
F: Das KCanG bietet viele Ansätze zum Kinder-, Jugend- und Gesundheitsschutz. Wie beurteilen Sie diese?
A: Grundsätzlich gut, aber teilweise fehlt die logische Kohärenz zu Tabak und Alkohol. Hier wären allgemeinere und weniger Cannais-spezifische Regeln gut.
F: In welchen Punkten finden Sie persönlich das KCanG veränderungswürdig? Wie sollten diese Veränderungen aussehen?
A: Ich verweise an dieser Stelle gerne an die 10 Forderungen des DHV: https://hanfverband.de/die-top-10-forderungen-des-deutschen-hanfverbandes-zur-weiterentwicklung-der-cannabispolitik
F: Die Regierung beabsichtigt, durch Änderungen am Medizinalcannabisgesetz (MedCanG) den Zugang zu Cannabisarznei zu erschweren. Halten Sie diesen Schritt für sinnvoll und können Sie Ihre Antwort begründen?
A: Auf der einen Seite kann ich das Unbehagen bezüglich der laxen Telemedizin-Versorgung nachvollziehen, auf der anderen Seite spreche ich mich aber explizit gegen diese Verschärfungen aus: Wer möchte, dass weniger junge Menschen ohne signifikante Erkrankungen Cannabis als Medizin beziehen (wohlgemerkt via Privatrezept), der sollte Clubs und Modellprojekte unterstützen. Wenn man politisch eine Teillegalisierung boykottiert, dann sollte Telemedizin als kleineres Übel betrachtet werden; denn hier lassen sich gefährliche Streckmittel und Finanzierung der Organisierten Kriminalität (OK) ausschließen. Die OK würde von den Vorschlägen von Frau Warken, zumindest in der jetzigen Form, massiv profitieren.
F: Fachleute fordern, dass auch andere Rauschmittel (z.B. Kokain) ähnlich dem Cannabis freigegeben werden sollen. Unterstützen Sie diese Vorschläge und können Sie Ihre Antwort begründen?
A: Ja, obgleich ich nicht von „freigeben“ sprechen würde. Aktuell ist Kokain „frei-“gegeben, und zwar vogelfrei, ohne jegliche staatliche Kontrolle. Grundsätzlich bin ich dafür diesen Markt zu regulieren, von Kokatee im Supermarkt über kleine Mengen Kokain im Fachgeschäft bis hin zur Verschreibung von „Crack-Pens“ an Menschen mit entsprechender Abhängigkeit. Ich habe vor ziemlich genau 5 Jahren einen Artikel dazu geschrieben. [Link]
F: Legale Rauschmittel (z.B. Alkohol) sind für Erwachsene frei zu erwerben und können ohne Fachwissen oder Beratung zu Konsumstörungen verkauft werden, obschon sie ein enorm hohes Gefährdungspotenzial aufweisen. Wodurch sollte hier der Kinder- und Jugendschutz realisiert werden, wenn teilweise schon ab 14 Jahren das "begleitete Trinken" (aktive Heranführung) praktiziert wird?
A: Alkohol gehört m.M.n. ebenfalls in Fachgeschäfte für Erwachsene. Werbung sollte stark eingeschränkt werden, insbesondere klassiche Werbung, die ausschließlich dazu dient der Allgemeinbevölkerung ein positives Bild zu vermitteln. Zu strikten Altersgrenzen, jenseits von Grenzen die sich aus einer ehrlichen Aufklärung ergeben, habe ich hingegen keine konkrete Forderungen. Auch zu begleitetem Drogenkonsum habe ich keine klare Haltung, da ich hier positive und negative Aspekte sehe, je nach Droge, Alter und sozialem Kontext.
F: Teillegale Rauschmittel (z.B. Cannabis) können von Erwachsenen nicht frei erworben werden, sondern müssen im Eigenanbau (allein oder im Verein) aufgezogen werden. Wie kann man sicherstellen, dass auch Erwachsene ohne grünen Daumen oder mit Kindern in der Wohnung an legales Cannabis kommen?
A: Growen mit Kindern im Haushalt ist m.W. möglich, beispielsweise mit Schloss am Zelt. Grundsätzlich bedarf es aber der Fachgeschäfte. Beim Cannabiskonsum gehen viele Experten von einer Pareto-Verteilung aus, d.h. viele konsumieren eher wenig, wenige konsumieren eher viel. Für den Löwenanteil der Konsumenten ist es nicht attraktiv wegen beispielsweise 2-3 Joints pro Monat zu grown oder einem Verein beizutreten. In anderen Lebensbereichen ist das ähnlich: Mehr Menschen essen Fisch als Menschen angeln oder in einem Angelverein sind.
F: Möchten Sie noch ein abschließendes Statement abgeben?
A: Ich möchte gerne anmerken, dass praktisch alle Menschen Drogen nehmen. Während der Begriff selbst, oder die Namen einiger Drogen, negative Assoziationen auslösen, sollte einem stets bewusst sein, dass es sich de facto um Stoffe mit sinnvollen Funktionen handelt. Viele Drogen waren, sind oder werden Medizin (vgl. aktuelle RCTs und Zulassungsbestrebungen). Aber natürlich bergen auch Medikamente Risiken, von akuter Toxizität bis Abhängigkeit. Drogen sind nicht nur das, was andere nehmen. Wir alle nehmen sie, zumindest gelegentlich – und wir sind froh, insbesondere bei Unfällen oder terminalen Erkrankungen, dass es sie gibt. Und natürlich die moderat stimulierenden Drogen wie Heißwasserauszüge aus Kaffee, Tee, Mate, Koka oder Khat, die viele gar nicht als Droge wahrnehmen und dennoch den Alltag prägen.
Ich danke Ihnen für die Teilnahme und ihre Geduld.
Du willst wissen, wer NICHT geantwortet hat? Dann schau hier: https://fourtwenty.wtf/index.php/beitraege/interviews/interviews-zum-cang