Es wird oft gesagt, THC und CBD seien quasi Antagonisten und dass CBD den THC Rausch mindert. Was dem Rauschsuchenden ein Ärgernis ist, das ist dem Patienten mitunter ein hilfreicher Effekt. Hier führen wir (Fourtwenty[dot]wtf, "FT") ein Interview mit einem Cannabispatienten, der seine Krankheit mit Cannabis behandelt, das sowohl THC als auch CBD enthält, und zwar zu gleichen Teilen.

DISCLAIMER: Dieser Artikel beinhaltet Aussagen zu Cannabis, die nicht Teil einer wissenschaftlichen Untersuchung sind. Diese Aussagen zitieren die subjektiven Erfahrungen einer Einzelperson, sie erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit, es wird kein Heilsversprechen gegeben und nicht zum Konsum geraten!
FT: Hallo. Du bist Cannabispatient ("CP"). Bekommst du Cannabis vom Arzt verschrieben?
CP: Nein. Ich baue meine Arznei selbst an. Ich habe mal eine Verschreibung angefragt, aber die Ärztin und Krankenkasse haben mich quasi ausgelacht.
FT: Welches Krankheitsbild behandelst du mit Cannabis?
CP: Ich über 60 und leide seit Jahrzehnten unter einer starken Beeinträchtigung der Lungenfunktion, mittlerweile COPD IV (Chronisch-obstruktive-Lungenerkrankung mit Status Gold, also schwer). Ich habe GdB 40 mit Gleichstellung Schwerbehinderung.
FT: Das ist ein eher ungewöhnliches Krankheitsbild für Cannabisbehandlungen. Welche Symptome hast du?
CP: Nun, COPD ist eine meist irreversible Schädigung des Lungensystems. Die Bronchien neigen zu Spastiken und Gewebeverhärtungen, es bilden sich große Mengen an Sekreten, die den Gasaustausch behindern und die Atemwege verstopfen. Das wird mit den Jahren schlimmer und führt oft zu einem qualvollen Erstickungstod. Meine "normale" Lungenfunktion liegt bei ca. 30% und da die Lunge dauernd entzündet ist, versucht das System, durch starken Schleimauswurf sich permanent zu reinigen. Das führt dazu, dass ich ohne Vorwarnung mitten in der Nacht von sehr starken Hustenkrämpfen mit Erstickungssymptomatik geweckt werde. Länger als 2 Stunden Schlaf am Stück ist da leider nicht drin.
FT: Das klingt sehr unangenehm. Nun ist ja Cannabis eher als Schmerzmittel im Einsatz, inwiefern hilft es dir, Cannabis zu konsumieren und vor allem: Wie machst du das? Rauchen ist ja wohl nicht.
CP: (lacht) Das stimmt wohl. Rauchen wäre für mich Selbstmord. Ich konsumiere Cannabis in zwei verschiedenen Formen. Einmal als getrocknete Blüten, gemahlen und in Kapseln geschluckt und getrocknete Blüten, die ich zerkleinert in einem Vaporizer verdampfe. Die Verdampferreste (AVB) fülle ich ebenfalls in Kapseln und nehme sie oral zu mir.
FT: Wie viel Cannabis konsumierst du täglich?
CP: Ich konsumiere grundsätzlich erst nach 20 Uhr abends, tagsüber helfe ich mir mit üblichen Medikamenten (Theophyllin, Ambroxol, Salbutamol, ACC), um nicht berauscht zu sein. Am Tag konsumiere ich etwa 2 Gramm Cannabisblüten.
FT: Du nimmst unverarbeitetes Cannabis zu dir? Das berauscht doch gar nicht, ist das nicht Verschwendung?
CP: Keineswegs. Der THC Rausch ist ja nicht das, was ich vom Konsum erwarte. Ich will mein Leiden lindern. Und das funktioniert.
FT: Dazu kommen wir gleich. Welche Art Cannabis konsumierst du?
CP: Es ist eine 1:1 Sorte, die ich selbst anbaue.
INFO
Sorte: ORANGE GLAZE AF - 50% indica / 50% sativa
THC: 18% CBD: 18% - indoor, Kunstlicht, organic soil
Genetik: Bubba CBD x Purple Punch; CaliSeed
FT: Das sind ja interessante Werte, 18/18 - warum diese Sorte?
CP: Nun, eine derart ausgewogene Wirkstoffkombination war für mich nach mehreren Sortenversuchen das Optimale.
FT: Okay, mal Butter bei die Fische. Wie hilft das?
CP: Ich hole da mal etwas aus. Mein Problem war immer der wirklich starke und äußerst zähe Sekretfluss und die Bronchienverengung. Ich hänge seit frühester Kindheit damit zu. Vor über 30 Jahren, als es mir noch besser ging, habe ich viel gekifft und ich musste feststellen, dass nach dem Purrauchen das Atmen leichter fiel, ich konnte sogar Mountainbike fahren. Und da war noch ein Effekt, jeder Konsument kennt das: Pappmaul, furztrocken im Mund. Das sollte später noch sehr wichtig werden. 2006 musste ich aus beruflichen Gründen mit dem Kiffen aufhören und von da an wurde es schlechter, mein Medikamentenbedarf erhöhte sich. 2018 dann implodierte mein linker Lungenflügel, Notoperation, stete Verschlechterung.
Als dann das KCanG kam, erinnerte ich mich an früher. Da ich inzwischen eine medizinische Ausbildung genossen habe, konnte ich die Punkte verbinden. Was mir früher geholfen hatte, könnte mir auch heute helfen. Aufgrund der massiven Verschlechterung des Allgemeinzustandes kam das Rauchen nicht mehr in Frage. Also unternahm ich einige Selbstversuche mit Cannabis. Ich zerkleinerte die Blüten und befüllte Leerkapseln mit dem Pulver, die ich dann zum Abend einnahm. Ich bemerkte, dass die Bronchien sich nach Wirkungseintritt entspannten und dass der ewige Schleimfluss gestoppt wurde. Nach 20 Jahren konnte ich das erste Mal wieder durchschlafen. Wer das nicht kennt, weiß nicht, was es bedeutet.
Dann begann ich weiter mit Sorten zu experimentieren. Zunächst baute ich gängige Sorten an (Amnesia, Gelato, Skunk), dann arbeitete ich mich tiefer in die Welt der Cannabinoide und der Flavonoide ein, was mich zu der Sorte führte, die ich nun benutze. Sie hat bei mir persönlich den besten Erfolg. Was mich noch etwas ärgerte, war der verzögerte Wirkungseintritt, doch dann versuchte ich einen Vaporizer, also einen Verdampfer. Das war für mich der Durchbruch. So konnte ich gegen 21 Uhr meine Kapseln einnehmen und vorher noch ein wenig vapen, um die Linderung schnell zu verspüren.
Nach gut einer Stunde setzt die Wirkung der Kapseln ein und der in den Bronchien vorhandene Schleim wird abgehustet, das ist nochmal anstregend. Aber kurz darauf spüre ich, wie sich die Atemtiefe deutlich erhöht, der Puls geht runter, die Schmerzen in der verkrampften Lunge lassen nach.
Ich gehe dann gegen 23 Uhr ins Bett und wache morgens um 6 frisch und ausgeruht auf und nicht gerädert von der Husterei. Ich meine, es muss klar sein: Cannabis ist kein Wunderkraut, dass mir eine neue Lunge baut oder mich "gesund" macht. Aber es ermöglicht mir einen erholsamen Schlaf ohne Erstickungsängste. Natürlich geht das Gerotze dann am Morgen wieder los, aber damit kann ich leben. Ich habe es leichter, für meine Familie und den Beruf da sein zu können.
FT: Klingt, als hättest du dich damit sehr intensiv beschäftigt.
CP: Ja, das habe ich. Als ehrenamtlicher Berater für Konsumstörungen und Substanzgebrauch befassse ich mich seit 35 Jahren mit Rauschmitteln, Drogen und Toxinen.
FT: Okay, also kein "Genusskiffer".
CP: Na ja, so ganz ohne Rausch geht es nicht. Viele sagen ja, Rohcannabis, das THC-Säure (THCA) enthält, würde keine Rauschwirkung entfalten. Das ist so nicht ganz richtig. Natürlich "ballert" das Cannabispulver nicht massiv, aber wenn die Wirkung anflutet, "schiebt" es ordentlich. Man sitzt dann schonmal eine Stunde vor dem Screen und schaut bei Youtube Videos von indischen Jawcrushern oder nepalesischem Dorfleben und merkt nicht, wie die Zeit vergeht. Die Entspannungswirkung ist enorm und ich weiß das sehr zu schätzen. Verstärkt wird die berauschende Wirkung natürlich durch das Vapen, dabei wird THCA in psychoaktives D9-THC umgewandelt. Das ist dann der unterhaltsame Teil der Medikation. Grundsätzlich allerdings kommt es mir auf den sogenannten Entourage-Effekt an, also auf die Wechselwirkung der verschiedenen Cannabinoide (über 100) mit den Flavonoiden und Flavoalkaloiden. Letzte sind Bestandteile der Blätter und beeinflussen die Wirkung der Cannabinoide.
FT: Aber THC und CBD sind ja- wie gesagt - Antagonisten, oder nicht? Beschränkst du dich da nicht selbst?
CP: Das wird oft behauptet. Neueste Studien zeigen jedoch, dass diese Einschätzung möglicherweise ungenau ist. Gerade bei THCA und CBDA, also den natürlichen Formen dieser Cannabinoide, ist es möglich, dass durch einen hohen CBD-Anteil das THC sogar geboostert wird. Das ist im Moment noch Gegenstand näherer Erforschung.
FT: Kannst du da einen Placebo-Effekt ausschließen?
CP: Nein, das kann ich nicht. Das spielt letztlich für mich tatsächlich auch keine Rolle. Ich stelle mir selbst kostengünstig eine Naturarznei her, deren Einnahme mir Linderung verschafft und die den Medikamentenverbrauch senkt. Ja, das ist anekdotische Evidenz, aber ich maße mir auch nicht an, zu behaupten, das dieses Vorgehen jedem Menschen helfen kann. Es hilft MIR. Das reicht mir.
FT: Würdest du anderen mit ähnlichen Symptomen raten, es so zu machen, wie du?
CP: Wie gesagt, das sind meine ganz persönlichen Erfahrungen und ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so läuft. Keine Ahnung. Was ich Erkrankten raten kann, ist, sich selbst und die eigene Krankheit verstehen, sich ausprobieren und Entscheidungen treffen.
FT: Letzte Frage. Derzeit ist ja ein neues Cannabisextrakt am Markt, für das sogar quasi ein eigenes Gesetz erlassen wurde. Was hältst du von solchen Präparaten?
CP: Abstand.
FT: Danke für das Gespräch.
